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Zeitzeugenbericht in der Gedenkstätte Neuengamme

Am 22. März 2016 folgte ich einer Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung in Zusammenarbeit mit „Umdenken“ Hamburg in das ehemalige Konzentrationslager Neuengamme.

Anlässlich der aktuell erschreckenden fremdenfeindlichen und rassistischen Entwicklung in unserem Land, die sich nicht nur erspüren lässt, sondern sich auch in den erschütternden Wahlergebnissen der letzten Wochen widerspieglen, sollte eine Informationsrunde mit einer der letzten Überlebenden der Sinti- und Romaverfolgungen der Nazi-Zeit stattfinden.

NeuengammeBetreten des Ausstellungsräume

Schon die Anfahrt durch Neuengamme sowie die Annäherung an das Gelände des Grauens erzeugten in mir eine ungeheuere Traurigkeit und Bedrücktheit. Das ehemalige Konzentrationslager befindet sich zwar außerhalb des Ortskernes, doch in unmittelbarem Bezug zum Treiben normalen Alltags. Es ist und bleibt mir unbegreiflich, wie die Behauptungen der Zeitzeugen aufrecht erhalten werden können „man habe nichts geahnt“. Dieses entfacht in mir nachhaltig das Gefühl, aufklären zu müssen, gerade auch jetzt in der heutigen Zeit, in der Parolen ähnlich klingen, gesellschaftsfähig werden und angebliche demokratische Parteien Zulauf bekommen mit ungestraft geäußertem hetzerischem Gedankengut.

Um 11 Uhr fanden sich etwa 30 (wundervoller Weise hauptsächlich junge Menschen) in den Seminarräumen in Neuengamme ein und wurden herzlich von Marcel Sebastian von der Heinrich-Böll-Stiftung sowie Wiebke Liers, einer jungen Mitarbeiterin der Gedenkstätte, begrüßt.

Ebenfalls anwesend war ein Zweier-Team des Radiosenders „Tide“, das die Gesprächsrunde sowie die anschließende Führung durch das ehemalige KZ aufzeichnete.

Frieda Larsen, einer „Mischehe“ aus Sinto-Vater und „bürgerlich deutscher“ Mutter aus Beamtenfamilie entstammt, traf ein und verzauberte alle mit ihrer Herzlichkeit und Stärke, sowie der Begeisterungsfähigkeit für die Thematik und gleichzeitiger „Zerbrechlichkeit“!
Frau Larsen ist derart engagiert, dass sie als Gründungsmitglied des Auschwitzkommitees immer und immer wieder in ganz Deutschland Aufklärungsarbeit leistet.

Im Alter von 9 Jahren erlebte sie 42/43 den Beginn der unmenschlichen und furchtbaren Deportationen mit, die „über Nacht“ einsetzten. Die Jahre vorher gestalteten sich für Sinti und Roma schon traumatisch, wie sie berichtete, da sie als „Fahrendes Volk“ (ihr eigener Vater arbeitete als Textilkaufmann) 1937 zur „Vermeidung der Verzigeunerung“ sesshaft werden mussten, was einen echten Identitätsverlust für alle, die dies betraf, bedeutete.

Es folgte eine „kalte Enteignung“ – die Ware wurde beschlagnahmt und der Wagen entschädigungslos enteignet, der vom Wert her einem Einfamilienhaus gleichzusetzen war.

Der Krieg begann und die Eltern waren in ständiger Angst um die fünf Kinder, die abwechselnd an Verwandte „verteilt“ wurden, um nicht so schnell „eingesammelt werden zu können“.

NeuengammeWiebke Liers zeigt auf dem Rundgang immer wieder Zeichnungen von Überlebenden, die mehr als zu Herzen gehen! Hier die Exekutionen von Insassen, zu deren Appell gestanden werden musste. Gleichzeitig ließ die SS (im Vordergrund) das KZ-Orchester fröhliche deutsche Volksmusik spielen. Ein Szenario, das man sich schlimmer und traumatisierender kaum ausmalen kann.

Frau Larsen sprach immer wieder an, wie sehr die Eltern bemüht waren, keine Angst bei den Kindern zu säen, die angstvolle Lebenssituation als „Normalität“ zu verkaufen und keine systemkritischen Äußerungen fallen zu lassen, denn „kleine Kinder sprechen die ungefilterte Wahrheit“ und das war die größte Gefahr der damaligen Zeit!

Gleichzeitig wurde in der Familie abrupt kein „Romanes“ mehr gesprochen, damit sich auch hier die Kinder „nicht verraten“, und die eigene Sprache, die zu Identität gehört, schnell zu vergessen.

Die Schulzeit begann in einer katholischen Schule, in der körperliche Züchtigungen vor allem für die eigene Volksgruppe an der Tagesordnung waren und so massiv ausfielen, dass die Eltern Einspruch erhoben. Der Schuldirektor vermochte sich nicht schützend vor die kleie Frieda zu stellen und empfahl das Verlassen der Schule, um sie im nächsten Jahr erneut einzuschulen.

Der Sinto-Vater wurde inzwischen wie alle „missliebigen“ Bürger zum „Heimschutz“ eingezogen und vor allem mit lebensgefährlichen Aufgaben betreut wie der Räumung von Minen.

NeuengammeDie winzigen, matratzenlosen Schlafstätten für im Arbeitslager ausgebeutete und halb verhungerte Menschen. Zum Zudecken und für den Kopf nichts als Kartoffelsäcke.

Mit Verschärfung der Situation und dem Beginn der Deportationen erhöhte sich der Druck. Die Sinto-Familien (Frieda war inzwischen neun Jahre alt) wurden gezwungen, die verlassenen Räume der Angehörigen zu räumen und die ausstehenden Mieten zu zahlen, was die betroffenen Familien seelisch hochgradig traumatisierte und wirtschaftlich in den kompletten Ruin trieb.

Es folgte die erschütternde Erkenntnis: die Angehörigen werden mit anderen Verfolgten im heute dafür bekannten „Fruchtschuppen C“ in Hamburg zusammengetrieben und von dort aus deportiert. immer und immer wieder versuchten Frieda und ihre Eltern, dort Kontakt zu finden zu den Vermissten, was nie gelang.

Anfangs kamen tatsächlich Postkarten, die die Ankunft der Vermissten in Auschwitz und anderen Orten der Folter und des Todes dokumentierten. Diese waren immer vorsichtig formuliert, so dass sie überhaupt die Kontrollen passieren konnten, ab und zu fand man Hinweise auf den erlittenen Hunger und die ständige Todeskonfrontationen. In gutem Glauben, den geliebten Menschen helfen zu können, schickten unzählige Menschen ihren Angehörigen Pakete, obwohl sie selbst nichts besaßen, Pakete, die natürlich in ganz anderen Kanälen landeten – ein perfides System!

NeuengammeTötung der als Arbeitsmaterial ausgebeuteten Menschen durch Phenol- oder Benzininjektionen… Das Zeitzeugendokument berührt unwiderruflich.

Frieda schilderte die Gewalt auf der Strasse, die unter aller Augen im Alltag stattfand, die Demütigungen als mit am Schrecklichsten, was auch ihre Wut erklärt auf all die, die eben „nichts gewusst haben“ wollen. Auch in der im Anschluss stattfindenden Führung kamen wir auf die Thematik zu sprechen. Wiebke Liers, die Mitarbeiterin der Gedenkstätte, erklärte, dass anfangs das Lager noch „entsorgt“ wurde durch einen Bestatter vor Ort, der dann immer überforderter mit den Leichen-Massen wurde. Der Abtransport erfolgte offen durch die Stadt! Jeder konnte sehen, was dort geschah und bevor die Anlieferung der Menschen mit Waggons baulich emöglicht wurde, wurden die Menschenmengen „durchs Dorf“ getrieben in Richtung des „Arbeitslagers“! Auch hier: alles sichtbar! Als es schließlich die eigenen Krematorien gab, standen die örtlichen Bauern „Schlange“ um an die Asche der vernichteten Menschen für die Felder zu gelangen- das ist wirklich unvorstellbar!

Nach Kriegsende waren die Nöte der Sinti und Roma keinesfalls beendet. Anders als andere verfolgte Volksgruppen dauerte es bis 1981, bis sie endlich durch das Wirken Helmut Schmidts als Verfolgte anerkannt wurden. Sie wurden aus Hamburg vertrieben und waren als „Diebe, unsauberes, arbeitsscheues Pack“ verschrien, erhielten keine Papiere und litten weiter nach dem Krieg, da immer noch allzu lange dieselben Beamten auf den entscheidenden Posten saßen.

Die SS vermied die Dokumentationen der Verbrechen an Sinti und Roma, weshalb das Ausmass der Verbrechen schwer nachvollziebar ist. Nicht einmal hier gab es „Anerkennung“ durch die Verbrecher. Frau Larsen berichtete, dass ihre Seele erst in Schweden etwas heilen konnte, in dem Land, in das sie für mehrere Jahre ging.

NeuengammeBesonders entsetzt hat mich das öffentliche Umgehen mit den Kriegsverbrechen, das zuließ, dass bis 1990!!!!!! Vertuschung und Missachtung stattfand! Wie kann es sein, dass Mahnmale für derartige Verbrechen, wie diese Waschgelegenheit missbraucht werden als BLUMENKÜBEL für staatliche Einrichtungen!?

Ich könnte noch sehr viel berichten vo diesem erschütternden und aufrüttelnden und nachhaltig wirkenden Tag. So zum Beispiel, dass das ehemalige KZ von Hamburgs Justizbehörden jahrelang als Justizvollzugsanstalt (JVA) genutzt wurde, nachdem die Briten das Inernierunglager aufgegeben hatte. Angehörigen der Sinti und Roma wurde kurzerhand das Gedenken an ihre Angehörigen, die im KZ gelitten hatten, untersagt! Bis 1977 standen die Angehörigen mit ihrem Anliegen alleine da. Erst Ende der 1970er-Jahre engagierten sich auch örtliche Initiativen für den Ausbau der Gedenkstätte und unterstützten den Protest der ehemaligen Häftlinge.

Die eindrücklichsten Sätze von Frieda Larsens bleiben mir wohl ins Herz tätowiert….
Als ich sie fragte, ob sie auch so leiden würde unter der aktuellen Entwicklung in unserem Lande sagte sie: Das Schlimmste sei, dass der grassierende Rassismus mit dem Wort „Angst“ entschuldigt werde. Das kann und darf niemals sein. Denn echte Angst haben diese Leute niemals erlebt im Gegensatz zu jenen, gegen die sich die Aggressionen richten!

Im Jahr 1989 suchten ettliche Sinti und Roma, denen die Abschiebung in unbekannte Regionen drohten, Zuflucht in der Gedenkstätte Neuerngamme. Ihr Anblick sei seinen Gästen bei der Ausstellung „Krieg gegen Polen“ nicht zuzumuten, befand Kultursenator von Münch. Und: „Das Problem der Roma und Sinti sollte nicht mit dem Gedenken an die vielen Opfer aus Polen und aus anderen europäischen Ländern vermischt werden.“ Eine mögliche Besetzung des Dokumentenhauses durch die Roma sei „dem Gedenken an die Opfer in Neuengamme nicht angemessen“. Roma und Sinti seien kurz gesagt, nicht gesellschaftsfähig. Dies ist eine weitere Katastrophe und ein Verbrechen, wohlgemerkt in der Nachkriegszeit! Bis über 30 Jahre nach dem schrecklichen Leid während des NS-Regimes wurde weiter menschenverachtend agiert! An einem Ort, an dem allein 500.000 Menschen Unfassbares erleiden mussten und 250.000 zu Tode gebracht wurden!

Eine furchtbare Erkenntnis, die mich zutiefst beschämt!
So etwas bringt in mir auch in die Wut gegenüber der Argumentation vieler unserer Zeitgenossen hoch, man solle doch „endlich einmal Gras über die Kriegsverbrechen wachsen lassen“….

Nein! Niemals!

NeuengammeDas Geschenk eines KZ-Insassen an einen externen Wohltäter… Es wurden also auch Hilfsarbeiter extern „verliehen“… Aber man „wusste von nichts“…

Der Auftrag, unsere Kinder und Jugendlichen mit dem Leid von Millionen Menschen zu konfrontieren und es nie wieder zu etwas Ähnlichem kommen zu lassen, muss präsent sein!
Ich empfand anlässlich der in der Ausstellung dokumentierten Demonstration junger Erwachsener eine große Dankbarkeit hinsichtlich des leidenschaftlichen Einsatzes gegen das Vergessen, Totschweigen und die Errichtung einer dringend notwendigen Gedenkstätte an das Grauen, das Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage sind!

Eine so tiefe Wunde in der Seele eines Volkes – das der Opfer und das der Täter – muss betrachtet und intensiv therapiert werden, um wenigstens unter Narbenbildung heilen zu können!

Das empfinde ich als unseren Auftrag: die Partei ETHIA wird sich immer den Rechten aller Verfolgten annehmen und für Aufklärung sorgen!

Das ist der Grund, weswegen in unsere Partei niemand mit lebens verachtendem, rassistischen Gedankengut als Mitglied aufgenommen werden wird.

Dies ist eines unserer Gründungs – Herzensthemen!

(Bettina Jung)