Jan 18

+ + + Peni/Petra Rose, Nachfahrin der Holocaust-Opfer der Sinti, bedankt sich bei allen, die sich dem Rassismus der AfD und dem anderer in den Weg stellen! + + +

(Bericht: Bettina Jung)

Tief bewegt berichte ich Euch von einem ganz besonderen Telefonat.
Völlig unverhofft hatte ich Frau Petra Rose am Telefon, die sich freute, mich erreicht zu haben.
„PENI“, wie Frau Roses Name als Siniza eigentlich lautet, bedankte sich herzlich für meine Petition change.org/volksverhetzung und erzählte mir, wie überaus wichtig sie die Solidarisierung gegen die erneuten rassistischen Tendenzen, die allüberall in unserer Gesellschaft wahrnehmbar seinen, empfindet und wie dankbar sie dafür ist.
Frau Rose erzählte mir von der täglichen Traumatisierung, der Angst, der sie als Nachfahrin direkter Holocaust-Opfer und überlebender Sinti-Familien ausgesetzt ist, gerade durch die aktuelle Wiedererstarkung des rassistischen Gedankengutes.
Dazu muss man wissen, dass das Leid der Sinti und Roma deutlich über die Zeit des Hitler-Regimes hinaus ging und geht, da diese Volksgruppen von Wiedergutmachung ausgeschlossen waren und so nie eine freiwillige Anerkennung der NS-Verbrechen an ihnen erfuhren, was ich seit jeher als unfassbares Verbrechen der „Neuzeit“ empfinde.
Im letzten Jahr besuchte ich auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung einen Vortrag im KZ Neuengamme zu genau diesem Thema.
Frieda Larsen, eine der letzten Überlebenden, referierte dort unvergessen eindrücklich.
Frau Rose geht es aber um ALLE Holocaustüberlebenden und -opfer, nicht nur um die Sinti und Roma, was ihr ganz wichtig ist.
Petra Rose ist zwar erst 1960 geboren, hat aber zeitlebends mit den Folgen und der Angst vor dem Nationalsozialismus gelebt, wie alle Nachkommen der Sinti und Roma.
Frau Rose engagiert sich seit Jahren gegen das Vergessen, hat sich am Dokumentations- und Kulturzentrum in Heidelberg in Menschenrechtsarbeit und Völkerkunde ausbilden lassen und ist Referentin für Geschichte und Neuzeit mit dem Schwerpunkt Holocaust/ Bürger- und Menschenrechte.
Sie engagiert sich zudem an ihrem Wohnort Bayreuth aktiv in der Flüchtlingshilfe, weil gerade sie, wie sonst kaum jemand, das Leid und die Angst und die Traumata der verfolgten und geflohenen Menschen nachempfinden kann – eben gerade wegen ihrer eigenen Geschichte.
„Viele von uns Sinti wohnen in direkter Nachbarschaft der geflüchteten Menschen, die heute in Angst vor Abschiebung leben.
Frau Jung, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wir uns in die Zeiten des Holocaust zurückversetzt fühlen in dieser solidarischen Angst.
Ich kann nicht anders, als die Abschiebungen DEPORTATIONEN zu nennen.
Es ist so furchtbar, dass diese Gefühle, dieses Leid heute wieder komplett präsent sind.
Ich arbeite intensiv auf allen Ebenen mit den aus Krieg und Verfolgung geflohenen Menschen und sehe mich tagtäglich mit ihren Nöten und Ängsten konfrontiert.
Dadurch werde auch ich immer wieder getriggert.
Wir Sinti und Roma sind wie die Menschen aus Syrien, Afghanistan und sonstwo Verfolgte, Überlebende, Opfer und sind in Angst aufgewachsen.
Diese Angst wird hier und heute in der Realität durch ständige Bestätigung, gerade durch das erneut erstarkende rassistische Gedankengute, genährt.
Unsere eigene Angst genauso wie die der geflüchteten Menschen.
Meine Verwandten sind in Dachau, Ravensbrück und Auschwitz vernichtet worden.
Eine Abschiebung meiner jetzigen, heutigen Schutzbefohlenen, egal aus welchem Herkunftsland sie zu uns gefunden haben, kommt einer Deportation gleich.
Die Menschen werden auf Listen gesetzt, überfallartig aus ihrem Alltag oder sogar aus ihren Betten gerissen und ins Verderben geschickt.
Und das geschieht HEUTE!
Diese Abschiebungen werden „schöngeredet“, sie seien nicht rassistisch begründet.
Es handele sich zum Teil um „Straftäter“.
Ich verurteile Straftaten immer – egal welcher Mensch sie zu verantworten hat.
Ich leide und fühle mit allen Opfern – egal, welcher Herkunft sie sind.
Und Straftaten müssen rigoros bestraft werden.
Aber man darf doch niemandem die Menschenrechte absprechen und dieselben Argumente nutzen, die damals das NS-Regime nutzte.
Ich selbst werde noch heute als „kriminelle Zigeunerin“ und „Lügnerin“ beschimpft und niemand steht dagegen auf.
Zum Teil habe ich sogar innerhalb der Flüchtlingshilfe unter diesen Beschimpfungen und der Ausgrenzung zu leiden.
Das muss man sich einmal vorstellen.
Sinti und Roma waren im Nazi-Regime stigmatisiert als Verbrecher und Kriminelle.
Und wir sind es auch heute noch.
Wir können uns hier, selbst bei Bedrohung von Leib und Leben, wie ich es erfahren musste, nicht einmal auf die Polizei verlassen.
Genau das konnten wir damals auch nicht.
Das können eben auch die geflüchteten Menschen häufig nicht.
Dabei verstehe das Prinzip damals wie heute:
wenn es einer Vielzahl von Menschen einer Gesellschaft wirklich oder vermeintlich schlecht geht, sind sie bestrebt, nach Schuldigen zu suchen und es entsteht unbändiger, vernichtender Hass.
Das muss die Politik erkennen und darauf eingehen!
Wenn ich mich mit meinen direkten Sorgen und Erfahrungen an Ministerien wende, wird mir bisweilen gesagt: „Frau Rose, Bayreuth ist noch nicht so weit!“
Aber Bayreuth ist überall!
Wissen Sie, was das Allerschlimmste ist, Frau Jung?
Es gibt ein Wahlplakat der AfD, auf dem eine damals führende AfD-Politikerin mit ihrem Baby zu sehen ist.
Fürsorglich und liebevoll.
Auch die Verantwortlichen des NS-Regimes und seine Schergen, auch die, die In Auschwitz und Dachau unser aller Schwestern und Brüder ermordeten, inszenierten sich besonders gern als Kinder- und Tierfreunde.
Sie konnten ihre Seelen spalten und es wurde ihnen von der Bevölkerung das sympathische Bild allzugern abgekauft.
Die KZ-Wärterinnen und Wärter quälten und töteten in großem Stil und kehrten abends als umsorgende Mütter und Väter zu ihren Familien zurück.
Die beschriebenen Politiker*innen und ihresgleichen fordern Schießbefehle auch auf Kinder an den Außengrenzen der EU und lassen sich parallel fürsorglich mit Mensch und Tier portraitieren.
Es fehlt nicht mehr viel, Frau Jung, wenn diese neonazistische Propaganda gesellschaftliche Normalität wird, wie schon jetzt der Fall….
Und deswegen ist es so wichtig, dass Sie sich wehren und die Menschen mobilisieren gegen diese Wiedererstarkung der Unmenschlichkeit.
Gerade unser Land ist ALLEN Opfern des Holocaustes verpflichtet, dem aufkeimenden Neonazismus die Stirn zu bieten.“

Ich habe mich von Herzen für das intensive, erschütternde Gespräch bedankt und gebeten, darüber berichten zu dürfen, was sehr begrüßt wurde.
Ich wurde ausdrücklich beauftragt, allen Zeichner*innen und Mitstreiter*innen Petra Roses herzlichsten Dank zu übermitteln!
Ich habe mich verabschiedet von „Peni“.
„Wissen Sie, was das in meiner Sprache heißt, Frau Jung?
Das heißt „Schwesterchen“ „.
Ich danke meinem Schwesterchen im Herzen und verspreche, so gut ich nur kann, gegen das Unrecht aufzustehen!
Wir sind viele, Peni – und Du bist eine wahre Heldin für mich!