*** Wir schalten Bundesumweltministerin Barbara Hendricks im Falle der Seehundrichtlinie in Schleswig-Holstein ein***

Sehr geehrte Frau Umweltministerin Hendricks,

ich wende mich an Sie, auch im Namen von über 77.000 Unterzeichner*innen, die meine Petition (www.change.org/seehunde) für die tierschutzgerechte Novellierung der Seehundrichtlinie, für die Minister Dr. Robert Habeck verantwortlich ist, unterzeichnet haben. In Schleswig-Holstein ist aktuell eine rückläufige Seehundpopulation um mindestens 20% zu verzeichnen. Der Seehund ist das Maskottchen der deutschen Küste und wird touristisch vermarktet. Das tatsächliche Vorgehen, jahrelang verteidigt von Herrn Dr. Robert Habeck, ist der Öffentlichkeit jedoch nahezu unbekannt. Deutschland hat sich im trilateralen Wattenmeerabkommen verpflichtet, den Seehund unter besonderen Schutz zu stellen. Damit ist Schleswig-Holstein und der GRÜNE Umweltminister Dr. Robert Habeck in der Verantwortung. Die Richtlinie, die für den Seehund gilt, ist in unseren Augen sowohl tierschutz- als auch umwelt- und naturschutzwidrig.

1) Der Seehund befindet sich seit 1974 unter ganzjähriger Schonfrist und darf offiziell nicht bejagt werden.

Vor allem die FFH-Richtlinie „sichert“ seinen Schutz, die aber in großem Stil unterwandert wird, wie die jährlich erschossenen, offiziell bestätigten Zahlen von bis zu 500 Seehunden in Schleswig-Holstein belegen. Dies wird möglich, weil sich der Seehund im Jagdrecht befindet. weshalb Seehundjäger, die vom Ministerium berufen werden, Tiere erschießen können und dürfen. Es reicht aus wenn die Seehundjäger behaupten, dass die mutterlosen, verletzten oder geschwächten Tiere nicht überlebensfähig seien. Uns liegen jede Menge eidesstattlicher Versicherungen und Zeugenaussagen vor, welche belegen, dass diese Tötungsentscheidungen in hohem Maße gesunde Tiere treffen. Einige dieser Zeugenaussagen finden Sie auf unserem YouTube-Kanal „ETHIA TV“ unter www.youtube.com/channel/UChhWhPWvfiYF2gNPhLTb7Fw.
Ebenfalls wird dem Seehundjäger ein „Kopfgeld“ gezahlt, wenn er sich um einen Seehund kümmert – seinen Kadaver entsorgt, ihn nach Friedrichskoog überstellt, oder er das Tier erschießt. Einen Transport in die Auffangstation muss er jedoch aus eigener Tasche bezahlen. Auch so lassen sich vermehrte Tötungsentscheidungen – menschlich verständlich – erklären.

2) Herr Minister Dr. Robert Habeck behauptet, dass die Seehundjäger eine umfassende Ausbildung der TiHo Hannover erhalten.

Unsere Recherchen ergaben, dass es zwar Ausbildungs-Angebote für Seehundjäger gibt, diese jedoch nicht verpflichtend sind. Außerdem existiert keinerlei Prüfung. (Dokumentierte Aussagen der Jägersprecher, Leitung Wattenrat in einer Pressekonferenz mit Minister Habeck und den Seehundjägern in Tönning). Auch in der offiziellen Stellungnahme der Tierärztlichen Hochschule (diese musste zur Auskunft verklagt werden) gibt es keine anderslautenden Aussagen. Die einzig greifbare Voraussetzung ist also der Besitz eines Jagdscheines, um diese Tiere töten zu dürfen, die Fürsprache der Seehundjägerschaft und die anschließende Berufung durch das Umweltministerium, die ihre Verantwortung für die gesamte Seehundpopulation in diese Hände abgegeben hat.
Die Tötungsentscheidungen werden stichpunktartig (man spricht von der Sektion jedes fünften getöteten Seehundes) vorgenommen. Niemand aber (außer dem Seehundjäger selbst) weiß, welches das fünfte Tier ist. Selbst wenn jeder fünfte Seehund unrettbar erkrankt gewesen wäre, könnten vier überlebensfähige Tiere ohne Kontrolle erschossen worden sein. Außerdem ist die Leiterin der „Seehundjäger-Ausbildungs-Angebote“ (die zur Beantwortung unserer Fragen auf die

Verantwortlichkeit des Ministeriums verweist) dieselbe, die mit ihrem Institut ITAW die Sektionen vornimmt. Eine Qualitätssicherung und Unabhängigkeit sieht in meinen Augen doch anders aus. Auch Holland und Dänemark betrifft das trilaterale Wattenmeerabkommen. Es gibt in beiden Ländern KEINE Seehundjäger. Hier wird deutlich sinnvoller, sowie tierschutz- und naturschutzgerecht agiert. In Dänemark wird „Natur Natur sein“ gelassen. Es gibt keine Seehundjäger, aber auch keine Therapiezentren. Dieses Konzept ist unserer Auffassung nach deutlich besser für den Seehund, denn so wird auch kein gesundes Tier vorzeitig mit fadenscheiniger Begründung erschossen. Ein Missbrauch des Seehundes als Touristenattraktion ist dort ebenfalls nicht gegeben. In Holland – dieses Konzept präferieren wir – gibt es mehrere Auffangstationen und ebenfalls keine Seehundjäger. Ein jedes Tier wird aufgesammelt und in die Stationen verbracht. Da das deutsche Konstrukt derart in sich geschlossen ist, ist es extrem schwer an Zahlen zu kommen. Es gibt keine öffentlich einsehbare Dokumentation gefundener, erschossener, überstellter oder ausgewilderter Tiere.

Wir berufen uns unter anderem auf die Recherche aus der Dokumentation „Justice- Die toten Seehunde von Sylt“ aus dem Jahr 2014 der Produktions-Firma EIKON, die juristisch basiert ebenfalls die Situation wie so viele andere Tierschutz-Organisationen, Tierärzte und Einzelpersonen vor uns, anprangert. (http://www.eikon-nord.de/…/justice-die-toten-seehunde-von-s…) Die Richterin, die diese Dokumentation präsentierte, forderte dazu auf, sich an die EU-Kommission zu wenden. Dies taten einige unserer heutigen Mitstreiter*innen. Sie wurden allerdings von der Kommission auf die Verantwortlichkeit des Landes Schleswig-Holstein, und damit Dr. Robert Habecks, zurück verwiesen.
In einem Zeitraum 2013/14 in dem in Holland 350 Seehunde aufgenommen wurden, wovon 300 wieder gesund ausgewildert werden konnten, wurden allein auf Sylt 136 Tiere erschossen, nur 13 nach Friedrichskoog überstellt, von denen nur 8 Tiere wieder ausgewildert wurden. An diesem Beispiel wird die dringend notwendige Novellierung der geltenden Richtlinie nach niederländischem Vorbild deutlich.

3) Missbrauch der Seehundrichtlinie und Rechtfertigungsgrundlage bei Verstoßes gegen geltende Schutzstatuten (Bundesnaturschutzgesetz):

Inzwischen wurde eine Kegelrobbe in Travemünde erschossen, die sich unter noch höherem Schutz und zugleich NICHT im Jagdrecht befindet. Wir erstatteten Strafanzeige, da kein Tierarzt das Tier erlöste und auch nicht zu Rate gezogen wurde. (Die Kegelrobbe hatte sich in einem Fischernetz verfangen und war selbstständig in der Lage, sich an Land zu retten). Dieser Strafanzeige wurde nicht nachgegangen, wir legten allerdings Einspruch ein.

Die staatsanwaltliche Begründung der Verfahrenseinstellung lautet: „Der Beschuldigte ist beim Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume als Seehundjäger für den Eigenjagdbezirk Ostsee benannt.In dieser Funktion ist er aufgrund der Anforderung der Polizei tätig geworden.In Anbetracht dieser Umstände sowie unter Berücksichtung der schweren Verletzungen der Robbe lässt sich gegen den Beschuldigten nicht der Vorwurf der Verwirklichung einer vorsätzlichen rechtswidrigen Straftat erheben.“

4) Es gibt nur eine einzige Seehundstation, die berechtigt ist, Seehunde bis zur Wiederauswilderung aufzunehmen (Seehundstation Friedrichskoog).

Diese wird getragen durch einen Verein, in dem ebenfalls die Landesjägerschaft vertreten ist. Nur Seehundjäger dürfen Seehunde nach Friedrichskoog bringen. Jeder andere Fachmann/frau muss nach spätestens 24 Stunden die Tiere dem Seehundjäger übergeben.
Das bedeutet: eine begonnene Erstversorgung sowie Quarantäne durch Tierärzt*innen oder Wildtierstationen wird absichtlich und unnötiger Weise (damit tierschutzwidrig) unterbrochen. Dieser rechtlich verordnete Umgang behandelt allein den Seehund anders als jedes andere Wildtier. Es gibt kein einziges Wildtier, das nur von einer einzigen Institution therapiert werden darf! Durch den

Seehundtourismus werden die Tiere an den Sandbänken und Ruheplätzen massiv gestört, was häufig die Trennung von Jungtier und Mutter zur Folge hat. Auch aus diesem Grund gibt es eine gesteigerte Fürsorge-Pflicht. Durch die zunehmende Verschmutzung des Wattenmeeres ist die Anfälligkeit der Heuler für Lungenwürmer gesteigert. Werden diese jungen Seehunde aber therapiert, haben sie das Problem überstanden, da ausschließlich Jungtiere betroffen sind, wie
Langzeitstudien aus Holland zeigen. Der Befall mit Lungenwürmern führt jedoch in Deutschland generell zur Tötung der Heuler. Zudem wiegt das Urteil eines approbierten Tierarztes/in, die prognostizierte Überlebensfähigkeit eines Fundtieres betreffend, schwächer als das des Seehundjägers, denn dieser entscheidet wiederum nach Übernahme selbstständig über Leben oder Tod des Seehundes. Eine tierärztliche Versorgung über die 24 Stunden hinaus führt zur Anzeige des Umweltministeriums, dem Minister Habeck vorsteht. Inzwischen gibt es aber einen bahnbrechenden Freispruch einer spezialisierten Tierärztin aus dem letzten November, in dem die Richterin des Amtsgerichts Kiel sich während der Verhandlung entsetzt über die geltende Richtlinie äußerte und Unterstützung der stellvertretenden Staatsanwältin bekam, die sich noch während der Anhörung gegen die anwesende Vertretung des MELUR wandte. Ich selbst war während der Verhandlung zugegen. Je nach Fundort der Seehunde oder Heuler (Sylt, Föhr, Amrum) wird den Tieren ein Transport von bis zu 5 Stunden nach Friedrichskoog mit Fähre/ Zug und Auto zugemutet, weil keine weitere Station legitimiert wird, Seehunden eine Rehabilitation über die 24 Std hinaus, zu gewähren. Auch dafür können wir keinen vernünftigen Grund erkennen, womit ebenfalls die Tierschutzwidrigkeit gegeben wäre. Außerdem muss eine einzelne Station mit der Menge an bedürftigen Tieren Kapazität limitiert sein. Auch in diesen Fällen muss zwangsläufig beim Fund weiterer Tiere getötet werden.

Dass dies auch der Fall ist, bestätigte uns der ehemalige tierärztliche Leiter der Seehundstation, der sich nicht am unnötigen Tod der Tiere mitschuldig machen wollte und seinen Dienst quittierte. Auch seine Aussage liegt uns vor. (https://www.youtube.com/watch?v=DXyt1x73Aas&t=74s)
Er wurde damals ersetzt durch den Ehemann der „Ausbildungs-Angebots-Leiterin“ für die Seehundjäger. In der Zeit der Geburten und bei Sturmfluten geraten naturgemäß nicht nur Einzeltiere in Not, sondern Dutzende. Des Weiteren macht es wenig Sinn, aufgefundene Tiere in den Populationen zu durchmischen und in Gesellschaftsbecken zu halten, wie dies bei nur einer existenten Station der Fall ist. Würde erlaubt mehrere fachlich spezialisierte Stationen rehabilitieren zu lassen, würden Transportzeiten verkürzt und eine entscheidend schnellere Versorgung gewährleistet. Dadurch wären verkürzte Verweilnotwendigkeit in Therapie sowie eine Trennung der Tiere nach Fundorten ermöglicht, was auch ökologisch Sinn macht.
Momentan wird der touristische Ausbau (ein Aussichtsturm soll u.a. errichtet werden) der Seehundstation Friedrichskoog mit 6,5 Millionen Euro durch das Land Schleswig-Holstein unterstützt. Wäre es nicht sinnvoller Kosten zu sparen, spendenfinanzierte Auffangstationen agieren zu lassen und die Seehundjäger als Ranger ohne Tötungsbefugnis arbeiten zu lassen? Auch die kostenintensiven Sektionen könnten wegfallen, wenn Tierärzt*innen nicht rettbare Seehunde einschläfern würden. Wir sind der Überzeugung, dass das bewährte tierschutz- und naturschutzgerechte niederländische Konzept umgehend von Schleswig-Holstein übernommen werden muss. Herr Dr. Habeck jedoch wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, auch gegen das Angebot eines „Runden Tisches“ mit unseren Fachleuten (auf Seehunde spezialisierte Tierärzte, Seehundstationsleitung aus Holland, Wildtierstationsleiter, Vorsitzende des Tierschutzverbandes Schleswig-Holstein, Leitung von Meeresschutz-Organisationen) weshalb wir Ihre Einschätzung zu dieser Situation einholen möchten. Vorausgeschickt sei: Wir sind die erst seit einem Jahr existierende Menschen- und Tierrechtspartei ETHIA, die noch zu keiner Wahl antritt. Wir empfinden uns aber als politisches Sprachrohr von engagierten Menschen, die seit Jahren auch hier etwas zu verändern suchen, und wollen Politikverdrossenheit entgegenwirken. Wir sehen uns als Regulativ der „etablierten Parteien“.

Wir bitten Sie sehr, hier im Dienste Ihres Auftrages als Bundesumweltministeriun tätig zu werden.
Deutschland als Ganzes ist gefragt, denn das Land hat sich im trilateralen Wattenmeerabkommen verpflichtet, den Seehund zu schützen und ist in der Verantwortung, die geltende Richtlinie im Sinne des Tierschutzes, des Natur- und Umweltschutzes zu novellieren. Für weitere Fragen stehe ich jederzeit gern bereit.

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen und der großen Hoffung auf Ihr Einschreiten – auch im Namen der über 77.000 Unterstützer, verbunden mit der Bitte um zeitnahe Antwort.

Bettina Jung / Bundesvorsitzende ETHIA

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