Offener Brief an die Fraktionsvorsitzenden zur Seehund-Situation

Sehr geehrte Frau Katrin Göring-Eckardt
sehr geehrter Herr Cem Özdemir,

ich schreibe Ihnen in meiner Funktion als Bundesvorsitzende der Menschen- und Tierrechtspartei ETHIA und bitte Sie in diesem offenen Brief um eine Stellungnahme. Ferner schreibe ich nicht nur in meiner Funktion als Politikern, sondern im Namen von über 76.000 Unterzeichner*innen, die meiner Petition (www.change.org/seehundefür die tierschutzgerechte Novellierung der Seehundrichtlinie, für die Minister Dr. Robert Habeck verantwortlich ist, unterzeichnet haben.
In Schleswig-Holstein ist aktuell eine rückläufige Seehundpopulation um mindestens 10% zu verzeichnen. Der Seehund ist das Maskottchen der deutschen Küste und wird touristisch vermarktet. Das tatsächliche Vorgehen, jahrelang verteidigt von Herrn Dr. Robert Habeck, ist der Öffentlichkeit jedoch nahezu unbekannt. Deutschland hat sich im trilateralen Wattenmeerabkommen verpflichtet, den Seehund unter besonderen Schutz zu stellen. Damit ist Schleswig-Holstein und der GRÜNE Umweltminister Dr. Robert Habeck in der Verantwortung. Die Richtlinie, die für den Seehund gilt, ist in unseren Augen weder tierschutzgerecht noch mit den Grundsätzen „grüner“ Politik vereinbar.
1) Der Seehund befindet sich seit 1974 unter ganzjährigem Schutz und darf offiziell nicht bejagt werden.
Er befindet sich allerdings im Jagdrecht weshalb Seehundjäger, die vom Ministerium berufen werden, Tiere erschießen können und dürfen. Es reicht, wenn die Seehundjäger behaupten, dass die mutterlosen, verletzten oder geschwächten Tiere nicht überlebensfähig seien. Uns liegen jede Menge eidesstattlicher Versicherungen und Zeugenaussagen vor, welche diese Tötungsentscheidungen in hohem Maße gesunde Tiere treffen. Zeugenaussagen finden Sie dazu auf unserem YouTube-Kanal „ETHIA TV“ unterwww.youtube.com/channel/UChhWhPWvfiYF2gNPhLTb7Fw. So kommt es dazu, dass es jedes Jahr bis zu 500 getötete Seehunde und Heuler gibt.

2) Herr Minister Dr. Robert Habeck behauptet, dass die Seehundjäger eine umfassende Ausbildung der TiHo Hannover erhalten.
Unsere Recherchen ergaben, dass es zwar Ausbildungs-Angebote, jedoch keine Verpflichtungen zur Teilnahme oder Prüfungen gibt. (Dokumentierte Aussagen der Jägersprecher, Leitung Wattenrat in einer Pressekonferenz mit Minister Habeck und den Seehundjägern in Tönning). Auch in der offiziellen Stellungnahme der Tierärztlichen Hochschule (diese musste zur Auskunft verklagt werden) gibt es keine anderslautenden Aussagen. Die Tötungsentscheidungen werden stichpunktartig (man spricht von der Sektion jedes fünfte getöteten Seehundes) vorgenommen. Niemand aber (außer dem Seehundjäger selbst) weiß, welches das fünfte Tier ist. Selbst wenn jeder fünfte Seehund unrettbar erkrankt gewesen wäre, könnten vier überlebensfähige Tiere ohne Kontrolle erschossen worden sein. Außerdem ist die Leiterin der „Seehundjäger-Ausbildungs-Angebote“ (die zur Beantwortung unserer Fragen auf die Verantwortlichkeit des Ministeriums verweist) dieselbe, die mit ihrem Institut ITAW die Sektionen vornimmt.
Eine Qualitätssicherung und Unabhängigkeit sieht in meinen Augen doch anders aus. Auch Holland und Dänemark betrifft das trilaterale Wattenmeerabkommen. Hier wird deutlich sinnvoller, sowie tierschutz- und naturschutzgerecht agiert. In Dänemark wird „Natur Natur sein“ gelassen. Es gibt keine Seehundjäger, aber auch keine Therapiezentren.
Dieses Konzept ist unserer Auffassung nach deutlich besser für den Seehund, denn so wird auch kein gesundes Tier vorzeitig mit fadenscheiniger Begründung erschossen. Ein Missbrauch des Seehundes als Touristenattraktion ist dort ebenfalls nicht gegeben.
In Holland – dieses Konzept präferieren wir – gibt es mehrere Auffangstationen und ebenfalls keine Seehundjäger. Ein jedes Tier wird aufgesammelt und in die Stationen verbracht.Da das deutsche Konstrukt derart in sich geschlossen ist, ist es extrem schwer an Zahlen zu kommen. Es gibt keine öffentlich einsehbare Dokumentation gefundener, erschossener, überstellter oder ausgewilderter Tiere.
Wir berufen uns unter anderem auf die Recherche aus der Dokumentation „Justice- Die toten Seehunde von Sylt“ aus dem Jahr 2014 der Produktions-Firma EIKON, die juristisch ebenfalls die Situation wie so viele andere Tierschutz-Organisationen, Tierärzte und Einzelpersonen vor uns, anprangert. (http://www.eikon-nord.de/produktion/justice-die-toten-seehunde-von-sylt-524.html) Die Richterin, die diese Dokumentation präsentierte, forderte dazu auf, sich an die EU-Kommission zu wenden.
Dies taten einige unserer heutigen Mitstreiter*innen. Sie wurden allerdings von der Kommission auf die Verantwortlichkeit des Landes Schleswig-Holstein, und damit Dr. Robert Habecks, zurück verwiesen.
In einem Zeitraum 2013/14 in dem in Holland 350 Seehunde aufgenommen wurden, wovon 300 wieder gesund ausgewildert werden konnten, wurden allein auf Sylt 136 Tiere erschossen, nur 13 nach Friedrichskoog überstellt, von denen nur 8 Tiere wieder ausgewildert wurden.
An diesem Beispiel wird die dringend notwendige Novellierung der geltenden Richtlinie nach niederländischem Vorbild deutlich.

3) Es gibt nur eine einzige Seehundstation, die berechtigt ist, Seehunde bis zur Wiederauswilderung aufzunehmen (Seehundstation Friedrichskoog).
Jeder andere Fachmann/frau muss nach spätestens 24 Stunden die Tiere dem Seehundjäger übergeben. Nur Seehundjäger dürfen Seehunde nach Friedrichskoog bringen.
Das bedeutet: eine begonnene Erstversorgung sowie Quarantäne durch Tierärzt*innen oder Wildtierstationen wird absichtlich und unnötiger Weise (damit tierschutzwidrig) unterbrochen. Dieser rechtlich verordnete Umgang behandelt allein den Seehund anders als jedes andere Wildtier. Es gibt kein einziges Wildtier, das nur von einer einzigen Institution therapiert werden darf!
Durch den Seehundtourismus werden die Tiere an den Sandbänken und Ruheplätzen massiv gestört, was häufig die Trennung von Jungtier und Mutter zur Folge hat. Auch aus diesem Grund gibt es eine gesteigerte Fürsorge-Pflicht. Durch die zunehmende Verschmutzung des Wattenmeeres ist die Anfälligkeit der Heuler für Lungenwürmer gesteigert. Werden diese jungen Seehunde aber therapiert, haben sie das Problem überstanden, da ausschließlich Jungtiere betroffen sind, wie Langzeitstudien aus Holland zeigen. Der Befall mit Lungenwürmern führt jedoch in Deutschland generell zur Tötung der Heuler.
Zudem wiegt das Urteil eines approbierten Tierarztes/in, die prognostizierte Überlebensfähigkeit eines Fundtieres betreffend, schwächer als das des Seeundjägers, denn dieser entscheidet wiederum nach Übernahme selbstständig über Leben oder Tod des Seehundes. Eine tierärztliche Versorgung über die 24 Stunden hinaus führt zur Anzeige des Umweltministeriums, dem Minister Habeck vorsteht.
Inzwischen gibt es aber einen bahnbrechenden Freispruch einer spezialisierten Tierärztin aus dem letzten November, in dem die Richterin des Amtsgerichts Kiel sich während der Verhandlung entsetzt über die geltende Richtlinie äußerte und Unterstützung der stellvertretenden Staatsanwältin bekam, die sich noch während der Anhörung gegen die anwesende Vertretung des MELUR wandte. Ich selbst war während der Verhandlung zugegen.
Je nach Fundort des Seehunde oder Heuler (Sylt, Föhr, Amrum) wird den Tieren ein Transport von bis zu 5 Stunden nach Friedrichskoog mit Fähre/ Zug und Auto zugemutet, weil keine weitere Station legitimiert wird, Seehunden eine Rehabilitation über die 24 Std hinaus, zu gewähren. Auch dafür können wir keinen vernünftigen Grund erkennen. Damit wäre ebenfalls die Tierschutzwidrigkeit gegeben. Außerdem muss eine einzelne Station mit der Menge an bedürftigen Tieren kapazitär limitiert sein. Auch in diesen Fällen muss zwangsläufig getötet werden. Dass dies der Fall ist, bestätigte uns der ehemalige tierärztliche Leiter der Seehundstation, der sich nicht am unnötigen Tod der Tiere mitschuldig machen wollte und seinen Dienst quittierte. Auch seine Aussage liegt uns vor. (https://www.youtube.com/watch?v=DXyt1x73Aas&t=74s)
Er wurde damals ersetzt durch den Ehemann der „Ausbildungs-Angebots-Leiterin“ für die Seehundjäger. In der Zeit der Geburten und bei Sturmfluten geraten naturgemäß nicht nur Einzeltiere in Not, sondern Dutzende. Des Weiteren macht es wenig Sinn, aufgefundene Tiere in den Populationen zu durchmischen und in Gesellschaftsbecken zu halten, wie dies bei nur einer existenten Station der Fall ist.
Würde erlaubt, mehrere fachlich spezialisierte Stationen rehabilitieren zu lassen, würden Transportzeiten verkürzt, eine schnellere Versorgung gewährleistet. Dadurch dadürch deutlich verkürzte Verweilnotwendigkeit in Therapie sowie eine Trennung der Tiere nach Fundorten, was auch ökologisch Sinn macht.

Momentan wird der touristische Ausbau (ein Aussichtsturm soll u.a. errichtet werden) der Seehundstation Friedrichskoog mit 6,5 Millionen Euro durch das Land Schleswig-Holstein unterstützt. Wäre es nicht sinnvoller, Kosten zu sparen, spendenfinanzierte Auffangstationen agieren zu lassen und die Seehundjäger als Ranger ohne Tötungsbefugnis arbeiten zu lassen?Auch die kostenintensiven Sektionen könnten wegfallen, wenn Tierärzt*innen nicht rettbare Seehunde einschläfern würden.

Wir sind der Überzeugung, dass das bewährte tierschutz- und naturschutzgerechte holländische Konzept umgehend von Schleswig-Holstein übernommen werden muss.
Herr Dr. Habeck jedoch wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, auch gegen das Angebot eines „Runden Tisches“ mit unseren Fachleuten (auf Seehunde spezialisierte Tierärzte, Seehundstationsleitung aus Holland, Wildtierstationsleiter, Vorsitzende des Tierschutzverbandes Schleswig-Holstein, Leitung von Meeresschutz-Organisationen) weshalb wir Ihre Einschätzung zu dieser „GRÜNEN Politik“ erfahren möchten.
Vorausgeschickt sei: Wir sind die erst seit einem Jahr existierende Menschen- und Tierrechtspartei ETHIA, die noch zu keiner Wahl antritt. Wir empfinden uns aber als politisches Sprachrohr von engagierten Menschen, die seit Jahren auch hier etwas zu verändern suchen, und wollen Politikverdrossenheit entgegen wirken. Wir sehen uns als Regulativ der „etablierten Parteien“. Momentan befinden sich DIE GRÜNEN im Wahlkampf in Schleswig-Holstein. Die Agitation des Ministers beinhaltet nicht nur für die Seehunde, sondern auch das Ansehen der Gesamtpartei BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN eine Gefahr.

76.000 Petenten stellen in nicht geringem Umfange GRÜNE Wähler, was sicher auch an dem überraschend knappen Ergebnis der Urwahl zu merken war (unsere erfolgreiche Petition läuft seit November 2016).
Auch die Bundestagswahl steht an und wir bitten um eine eindeutige Stellungnahme zur den ausgeführten Fakten durch Sie als Fraktionsvorsitzende.

Mit freundlichen Grüßen, verbunden mit der Bitte um zeitnahe Antwort

Bettina Jung
Bundesvorsitzende der Partei ETHIA

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