Rezension: „Persönlichkeitsrechte für Tiere“ von Karsten Brensing

Persönlichkeitsrechte für Tiere„Persönlichkeitsrechte für Tiere“
von Karsten Brensing,
erschienen 2013 im Herder Verlag

Thema des Buches ist die Frage, ob die nächste Stufe der moralischen Evolution bedeuten könnte, bestimmten Tieren Persönlichkeitsrechte zuzuerkennen.

Der Autor Karsten Brensing ist Meeresbiologe und Verhaltensforscher. Er hat an der FU Berlin über die Interaktion zwischen Delfinen und Menschen promoviert und Forschungsprojekte in Israel und Florida geleitet. Seit 2005 arbeitet er für die internationale Wal- und Delfinschutzorganisation WDC.

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Karsten Brensing beleuchtet u. a. die Bereiche Kommunikation, Bewusstsein und das soziale Gefüge von Delfinen. Er belegt anhand vieler anschaulicher Beispiele aus der Forschung, dass der Mensch zwar das einzig bekannte Säugetier ist, das seine Gedanken und Erlebnisse zu Papier bringen und das Geschriebene eines anderen Menschen lesen kann, doch auch, dass damit die gravierenden Unterschiede zu hochentwickelten Tieren wie Menschenaffen, Delfinen und sogar einigen Vögeln bereits enden.

So können Delfine eine einfache Grammatik begreifen und folgerichtig und in abstrakter Form anwenden und sogar das Nichtvorhandensein eines Gegenstandes verstehen. Sie benutzen ihren Verstand, um mithilfe von Mengenlehre das Prinzip einer Währung zu verwenden und zu ihrem Vorteil einzusetzen. Einige schauen sich zum Spaß Tricks ab, die sie zum Überleben gar nicht brauchen und bringen diese auch ihren Nachkommen bei.

Das Buch zeigt viele Beispiele auf, die bestätigen, wie ähnlich das Verhalten der Tiere dem des Menschen ist. Sie benutzen Werkzeuge, handeln kooperativ, lügen, um Vorteile zu erhalten, empfinden Liebe und Trauer. Auch zeigen sie Mitgefühl mit Lebewesen der gleichen und auch einer anderen Spezies. Einige Tierarten können sogar lachen.

Durch verhaltensbiologische Experimente wurden sowohl menschliche Kinder ab einem bestimmten Alter als auch einige Tierarten erfolgreich auf Selbstbewusstsein getestet. Wir müssen also davon ausgehen, dass wir nicht die Einzigen sind.

Die Fähigkeit, sich in die Welt eines anderen hineinzudenken, entwickelt sich beim Menschen in den ersten Lebensjahren und erst im Alter von ca. 7 Jahren ist er fähig, daraus moralische Schlüsse zu ziehen. In einigen Versuchsreihen zeigte sich, dass auch Affen diese Fähigkeit haben.

Der Autor geht auf die Problematik der Haltung von Orcas und Delfinen in Delfinarien oder Zoos ein. Er beschreibt die psychischen Störungen und weshalb es so oft zu einem frühzeitigen Tod kommt.
Weiterhin schreibt er, dass praktisch jeder heue lebende Elefant in seiner frühen Kindheit oder Jugend die Tötung enger Familienmitglieder miterleben musste. Diese traumatisierende Erfahrung und die Unterbrechung der Weitergabe ihrer Kultur und eines normalen sozialen Umgangs haben dazu geführt, dass sich heute nur wenige Elefanten „normal“ verhalten.

Ist es abwegig, Tieren Persönlichkeitsrechte zuzusprechen?
Prof. Thomas White, ein Wirtschaftsethiker definiert eine Person wie folgt:
Sie ist am Leben. Sie ist bewusst. Eine Person hat positive und negative Wahrnehmung. Sie hat Gefühle. Eine Person hat eine Vorstellung von sich selbst. Sie kontrolliert das eigene Verhalten. Sie nimmt andere Personen wahr und behandelt sie dementsprechend. Sie hat eine Vielzahl hochentwickelter kognitiver Fähigkeiten und ist fähig, analytisch und konzeptionell zu denken. Sie kann lernen, Informationen zu speichern und abzurufen und löst komplexe Probleme mit analytischem Denken und kann Gedanken kommunizieren.

Damit argumentiert White philosophisch und auch wissenschaftlich sauber, da er nicht mit der stammesgeschichtlichen Nähe zum Menschen argumentiert, sondern mit unabhängigen kognitiven Leistungen begründet.

Der Autor kommt zu dem Fazit, dass neben dem Großen Tümmler auch Primaten und Elefanten diese Kriterien erfüllen und sogar einige Vogelarten mit in die engere Wahl genommen werden müssten. Doch leider gibt es derzeit keine allgemeingültige wissenschaftliche Definition und daher liegt die Entscheidung noch immer nur im Auge des Betrachters.

Karsten Brensing ruft auf, die Rolle der Wissenschaft kritisch zu hinterfragen, da er meint, sie wäre nicht so unabhängig wie wir das wünschen würden. Sie bietet zwar eine gewisse Verlässlichkeit, doch würden neue Erkenntnisse schnell zu neuen Ergebnissen führen. Nach Herrn Brensing ist schuld, wer wider besseres Wissen an altem, ethisch kritisierendem Handeln festhält. Daher wird aus seiner Sicht die Wissenschaft nicht ethisch eingeschränkt, sie hat sich nur selbst zu einem Standpunkt hin entwickelt, der es rein logisch nicht mehr möglich macht, bestimmte Handlungsweisen zu rechtfertigen.

Der Naturschutz und der Tierschutz werden juristisch getrennt gesehen. So ist es immer noch möglich, dass es widersprüchliche Gesetze gibt. Auch gibt es Rechte, die noch aus dem Mittelalter stammen und völlig widersprüchlich zu heutigen Naturschutzaspekten sind. Dennoch haben die Naturschutzarbeit und unsere moralische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass auch tierschutzrechtliche Aspekte mit großer Transparenz behandelt werden. So ist das Verbandsklagerecht in Deutschland für staatlich anerkannte Tierschutzverbände immer mehr im Kommen.

„Die Diskussion über die Rechte nichtmenschlicher Personen mag von vielen als ein „Luxusprojekt“ einer akademischen Elite betrachtet werden. Und dennoch: Unser Umgang mit diesen nichtmenschlichen Personen stellt unsere eigene Moral und unser Gerechtigkeitsempfinden infrage. Haben wir daher nicht eine moralische Verpflichtung, die von uns gewonnen Erkenntnisse anzuwenden, in unsere menschlichen Moralvorstellungen zu integrieren und diese bei unseren Handlungen zu berücksichtigen?“, schreibt der Autor gegen Ende des Buches und gibt uns damit eine Hausaufgabe mit auf den Weg. Sind wir bereit, unsere dominante Position auf diesem Planeten aufzugeben?

Ein sehr lesenswertes Sachbuch, das uns aufzeigt, zu welchen emotionalen, kognitiven und sozialen Leistungen Tiere fähig sind. Es sollte im Bücherregal eines jeden Tierrechtlers stehen, denn es liefert sehr gute Beispiele und Argumente, mit denen man Kritikern aufzeigen kann, weshalb es an der Zeit ist, Tieren mehr Rechte – ja auch Persönlichkeitsrechte – zuzugestehen.

Susanne R. Cormier

Persönlichkeitsrechte für Tiere
von Karsten Brensing
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Verlag Herder; Auflage: 2 (15. April 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3451305135